Neuorientierung

Liebe Gaumenkünstler,

als ich meinen Blog vor mehr als sechs Jahren begann, war mir daran gelegen zu zeigen, dass es für Low Carb nicht haufenweise extrateure Ersatzzutaten braucht und man auch mit normalen Lebensmitteln leckere Gerichte zaubern kann. Gleichzeitig habe ich versucht kohlenhydratreiche Speisen umzuwandeln, so dass nur selten das Gefühl aufkommen sollte, dass man was vermisst.

Ein positiver Aspekt für mich war: Das Bloggen hat mich motiviert durchzuhalten und viele neue Dinge auszuprobieren. Ich habe so viele tolle Rezepte gekocht und viele kommen bis heute noch auf den Tisch.

Nach wie vor bin ich der Meinung, dass Low Carb und LCHF in der Welt seine absolute Berechtigung haben. Für viele bringt es große Vorteile und auch ich war schwer angetan von der Wirkung. Mit LCHF konnte ich meine Migräne lindern, ich konnte meinen hormonellen Zyklus etwas besser regeln und die Abnahme darf man natürlich auch nicht vernachlässigen.

Leider war aber die Ernährungsweise nicht so kompatibel mit meinem Leben, wie ich es gern gehabt hätte. Gerade mit dem Einstieg ins Berufsleben, konnte ich das nicht auf Dauer halten. Und von irgendwem gab es immer irgendeinen dummen Spruch. Oder noch schlimmer: Ratschläge. Und den Hinweis: „Wenn du wieder normal isst, nimmst du alles wieder zu.“ Die Leute hatten recht, wenn man normal isst, nimmt man wieder dazu. Das liegt aber vor allem daran, dass das was als normal geschimpft wird, trotzdem nicht gesund ist.

Irgendwann hatte ich keine Lust mehr. Keine Lust auf Rechtfertigungen, keine Lust auf Erklärungen, Sprüche, Ratschläge. Und auch nicht auf Rückschläge und das schlechte Gewissen, das ich immer hatte wenn ich „nicht konform“ aß. Und zum Schluss hatte ich keinen Bock mehr auf jedwede Art von Verzicht.

Neben all dem läuft natürlich noch das normale Leben ab, das auch nicht immer so funktioniert wie man sich das vorstellt. Von meinem Ess-Problem habe ich vor zwei Jahren schon einmal kurz berichtet. Das ging dann doch etwas tiefer als gedacht und entwickelte sich über einen langen Zeitraum hinweg eher zu einer Ess-Störung. Nein ich habe keine Orthorexie, eher eine Binge-Eating-Disorder. Aber da möchte ich derzeit nicht so ins Detail gehen.
Eine weitere Komplikation ergab sich aus einem Brandunfall auf der Autobahn, bei dem mein Mann und ich unserem Auto zusahen wie es in Flammen aufging. Uns ist nichts passiert, war nur ein Blechschaden, aber der Vorfall hat eben doch einiges mehr getriggert: Panikattacken. Die selbst hab ich tatsächlich schon sehr lang. Mal mehr mal weniger stark ausgeprägt schon seit gut 10 Jahren. Bisher konnte ich damit gut umgehen. Habe Entspannungstechniken erlernt und auch den Umgang mit solchen Anfällen. Aber nach dem Unfall wurde es schlimmer und eigentlich ist die Angst nun ein ständiger Begleiter.
Zu guter Letzt wurde auch meine Migräne schlimmer, häufiger und entwickelte im Sommer 2019 eine Aura, die zeitweilig meine linke Gesichtshälfte, den linken Arm und das linke Bein taub werden ließ. Mit Schlaganfall-Angst bin ich zum Arzt. Und auch wenn sich das als Migräne mit Aura herausstellte, so blieb auch hier die Angst.

Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass die Angst mich mehr kontrollierte als ich sie und ich beschloss mir Hilfe zu suchen. Nun bin ich in psychotherapeutischer Behandlung und endlich auf dem Weg der Besserung. Es ist schon noch ein Stück Arbeit, aber ich bin zuversichtlich.

Soweit alles in Kürze…

Fakt ist auf jeden Fall, mit LCHF und Low Carb komme ich nicht weiter und ich habe mich schweren Herzens davon verabschiedet. Ich habe nun gut 3 Monate gebraucht, bis ich mich mit dem Gedanken des Loslassens meiner angeblichen Idealernährung anfreunden konnte. Zuerst war mir aber auch wichtig (hier kommt das Binge-Eating ins Spiel) entspannter beim Essen insgesamt zu sein. Ich möchte nicht mehr irgendeine Nahrungsgruppe als „schlecht“ empfinden. Mich nervt auch die Ansicht man „sündige“ wenn man Kuchen isst oder den ständigen Gedanken an Kalorien.
Ich hatte das Bedürfnis einfach essen zu wollen, alles essen zu können ohne den ständigen Hintergedanken, Essen sei schlecht oder mache dick. Dick war ich ja nun schon ohnehin. Ich fing also an zu essen.

Ich hatte jetzt eine Zeit, da habe ich viel gegessen.

Vor allem viel Süßkram, viel Nudeln, viel Pizza. Und zum Geburtstag habe ich mehr als nur ein Stück Kuchen gegessen – ohne schlechtes Gewissen! Habe ich zugenommen? Erstaunlicherweise nicht so viel wie befürchtet. Habe ich abgenommen? Nein.
Irgendwann stellte ich fest, es reicht. Ich hatte mich satt gegessen. Und zum Vorschein kam (wenn auch erst vor kurzem) das Bedürfnis nach anderem, nach Gemüse.

Meine Therapeutin legte mir einige Ernährungstipps nahe, die sich an der Ernährung der traditionellen chinesischen Medizin orientieren. Also werde ich das austesten und sehen wie es mir bekommt. Hier kommt mir mein Blog wieder gelegen und der Kreis schließt sich. Denn jetzt kann ich wie damals neue Rezepte ausprobieren und andere mit vielleicht ähnlicher Geschichte inspirieren.

Willkommen zurück bei Gaumenkunst =)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.