Fette Bräute, Essstörungen und Co

Halloooo Welt!

Ich könnte ja nun 20 verschiedene Ausreden anbringen warum ich nicht mehr gebloggt habe: Keine Lust, keine Zeit, liest doch eh keiner, sind Rezepteblogs überhaupt noch relevant?, sinnlos alles, Leben. Bla bla bla. Vieles davon stimmt sogar. Ich lebe derzeit nicht wirklich nach meinen Prinzipien, weil ich keine Lust dazu hatte. Wenn es dann darum ging, ob ich bestimmte Dinge blogge dachte ich mir: Wozu? Meistens ist es mehr oder weniger eh das Gleiche – und es gibt 100000 andere Blogs, die kreativer sind als ich. – Und das sagt eine, die sich Gaumenkunst genannt hat. – Gleichzeitig muss ich aber zugeben, dass mir das Bloggen schon gefehlt hat, weil ich eben keinen Grund mehr hatte kreativ zu werden. Zwischenzeitlich habe ich mich auf Instagram ein bisschen betätigt und fand das eigentlich ganz spannend. Aber es ist auch nicht das, was ich mir wünschen würde. Es sind eben viele einfach mal nebenbei Likes. Ich ertappe mich auch dabei, wie ich so nebenbei über die Bildchen wische ohne dabei auch nur eine Sterbenszeile Text zu lesen. Es ist schnelllebig und Microblogging halt.

Diesen Beitrag zu schreiben kostet mich ein gewisses Maß an Überwindung, denn er gehört meiner Meinung nach zu den Dingen, die man vielleicht nicht ins Internet stellen sollen, wenn man nicht will, dass andere das über einen wissen. Und es gibt eben auch Familie und Freunde, die hier mitlesen. Doch dann denke ich mir, drauf gepfiffen, ist eben so.

In der Zwischenzeit hat sich viel getan. Ich habe ein neues Maximalgewicht erreicht und 16kg davon abgenommen, wobei nun 6kg schon wieder drauf sind. Mit diesen 16kg weniger habe ich im März geheiratet. Bei den Göttern, ich hätte mir gewünscht eine schlanke Braut zu sein, wo alle vor Bewunderung erblassen wie phänomenal ich an diesem Tag aussehe, Nö, ich war eine dicke Braut. Meine erste Reaktion als ich endlich mein im Internet bestelltes Brautkleid anprobieren konnte waren Tränen. Des Entsetzens. Mir entfuhr es im Beisein meines Mannes dann „Scheiße… seh ich hässlich aus.“ So war das nicht geplant. Ich fand mich fett und hässlich, während mein Mann mich toll fand. Hinzu kam ein Erlebnis im Blumenladen, wo mir die Floristin nebenbei mal nahelegte, ich solle mir doch bitte einen üppigeren Brautstrauß überlegen, denn ich sei ja immerhin auch breiter. Ich muss nicht erwähnen, dass mich die Dame nie wieder gesehen hat, oder? Ich war in keinem Brautmodengeschäft, ich habe mein Kleid im Internet gesehen und mir über einen deutschen Online Shop schneidern lassen.  Ich weiß noch, unsere Fotografen haben wir über Ebay Kleinanzeigen gefunden, ein ganz wunderbares Pärchen, wo auch die Chemie beim ersten Skype Gespräch gestimmt hat. Nach dem Gespräch und nachdem ich mir 20 mal die Webseite angesehen habe, erklomm in mir Panik: Oh Gott, was wenn sie mich fett finden? Keiner der beiden hat mir auch nur einmal das Gefühl gegeben, dass ich unzureichend wäre oder hässlich wegen meiner Figur. Und was soll ich sagen, an dem betreffenden Tag fand ich mich toll, ich fand mich schön – und man sieht es auf den Fotos. Und das obwohl ich eine dicke Braut war.

Ich glaube viel hat dazu beigetragen, dass ich mich wie ich selbst gefühlt habe. Das fing beim Kleid an, das eben mehr Schwarz als Weiß war, ging über zu den Haaren und Makeup, beides habe ich selbst gemacht. Es war einfach ein schöner Tag. Und keiner hat mich verurteilt, wie ich aussah.
(Die Fotos haben Gabriele und Stefan von GaSt Fotografie gemacht, kann die beiden nur von Herzen empfehlen.)

Ist doch eigentlich auch völlig Wurst, wie man aussieht! Aber es ist ohnehin erstaunlich wie Leute meinen über das Äußere von jemandem urteilen zu dürfen. Hätte man mir gesagt, ich heirate in meiner Naturhaarfarbe, ich hätte ihn ausgelacht, die habe ich nämlich auch erst seit ca. 1 Jahr wieder. Davor war ich 12 Jahre sehr dunkel, schwarzbraun. Die Entscheidung dafür fällte ich spontan letztes Jahr im April, was sich später natürlich viele viele Menschen zum Anlass nahmen ein Urteil darüber zu fällen. Das reichte von „Jetzt siehst du viel freundlicher aus“ bis hin zu „Na deinem Freund gefällt das doch sicher auch besser.“ Was genau mein Freund damals damit zu tun hatte, weiß ich bis heute nicht. Er hat mich mit dunklen Haaren kennen gelernt und geliebt, er wird es nicht weniger oder mehr tun, nur weil sie jetzt heller sind. Genauso wie mein Mann mich nicht weniger liebt nur weil ich in den 11 Jahren, die wir nun zusammen sind weitere 40kg zugenommen habe. Möchte er, dass ich abnehme? Ja, aber nur weil er sieht, dass es mir nicht gut damit geht wie ich aussehe. Er würde mir nie sagen, ich sei fett und müsse abnehmen (auch wenn ich mir das manchmal wünschen würde, so als kleinen Tritt in den Hintern… aber verdammt, er liebt mich tatsächlich so wie ich bin. Ups…).

Und dann gibt es Menschen, die meinen, nur weil ich dick bin, wäre ich dumm und hässlich. Oder weil ich nicht dauerhaft abnehmen konnte/kann, dass ich unfähig bin und eigentlich nur fresse. Mal ehrlich, wieviele von uns verurteilen Leute auf der Straße, weil sie dick sind? Ja, selbst ich. Ich wurde voe ein paar Jahren auf dem Weg zum Sport mal von einer Frau angepöbelt, die immer wieder die Backen aufblies und dann mit dem Kopf schüttelte. Ich muss nicht erwähnen, dass ich sie auch nicht gerade ansehnlich fand, denn sie wog und wiegt (ich sehe sie hin und wieder) auch ihre 20kg zuviel. Dünn sein wird als schön empfunden, ja ja, wissen wir alle. Dass auch dicke Menschen eine Essstörung haben können, wissen wir auch, ist ebenfalls möglich. Vermutlich denken viele, klar, die isst halt zuviel.

Unter uns: wenn ich hier geschrieben habe, hey ich hab mein Gewicht gehalten, dann meinte ich damit nicht „Ich habe mich super gesund ernährt und dadurch nicht zugenommen.“ – Dahinter steckte viel mehr folgendes: „Ich esse den ganzen Tag nichts, habe abends Hunger und esse dann normal.“ Ab und wann ist es auch: „Ich esse den ganzen Tag nichts und wenn mein Mann nicht da ist, esse ich heimlich einfach alles.“ Klasse, oder? Gewicht gehalten! Dass das nicht so normal ist, kam mir dann beim Heimlichen Essen in den Sinn. Ich will hier nicht allzu ins Detail gehen aber: Ich schäme mich beim Essen und ich schäme mich dafür Hunger zu haben. Ich esse nicht mehr gern mit anderen zusammen, denn ich habe dann immer das Gefühl sie würden mich verurteilen. Wie kann ich nur essen – ich bin doch dick? Wie kann ich Hunger haben – ich bin doch dick? Wenn sie mich jetzt essen sehen, glauben alle ich würde nur essen. Also esse ich den ganzen Tag einfach nichts und dann eben Abend. Dass man wieder zunimmt, wenn man normal isst und eben zwei bis drei Mahlzeiten am Tag, das muss ich mit Sicherheit nicht erwähnen oder?

Irgendwann stellte ich also fest, dass ich eine Essstörung hatte. Habe. Wobei ich es liebevoller einfach gestörtes Essverhalten nenne. Ich kompensiere mit Essen Gefühle und ich bestrafe mich mit Hungerentzug, wenn etwas nicht geklappt hat wie es sollte. Dass das wiederum mit Essen kompensiert wird…  Na ihr wisst worauf das hinausläuft.

Ich belas mich dann und fing an meine Muster zu erkennen. Es gelingt mir nicht immer entsprechend zu handeln. Viel hängt auch damit zusammen, dass ich nicht viel von mir halte. Mir Zeit zu nehmen um zu essen, um Gottes Willen – Essen macht doch fett! Zu meiner Lektüre gehörten Fettlogik überwinden, Essanfälle adé und Sehnsucht und Hunger. Noch unterschiedlicher ging es nicht, jedes einzelne war aber unglaublich aufschlussreich und informativ. Geheilt bin ich nur durch Lesen freilich nicht – aber zumindest kann ich nun irgendwo ansetzen. Das heimliche Essen hat mittlerweile nachgelassen. Das Hungern und abends Essen leider noch nicht, auch Essen in Gesellschaft fällt mir nach wie vor schwer. Doch ich arbeite dran. Und ich bin auch nicht mehr der Ansicht, dass ich unfähig bin, weil ich Essanfälle habe, dass ich kein Durchhaltevermögen habe, zu blöd oder undiszpliniert bin oder einfach faul bin, oder dass es die falsche Ernährung ist. Das allein ist schon unglaublich viel wert.

Wie es mit Gaumenkunst weitergeht… keine Ahnung. Heute war der erste Tag wo ich dachte „ich möchte einen Beitrag schreiben“ und mich entsprechend dran gesetzt habe. Zwischenhzeitlich ging übrigens auch mein über alles geliebter Rechner kaputt – und mein Ersatzrechner hat mir keine Freude gemacht, also fehlte mir auch die Lust am Bloggen. Beim Raussuchen der Bilder fiel mir auf, dass mein Wasserzeichen irgendwo in den Untiefen meiner externen Festplatte liegt… Vielleicht blogge ich wieder häufiger, vielleicht erweitert sich das Feld auch. Mal sehen, aber das jetzt hier, das hat mir schon Spaß gemacht… 😉

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6 Kommentare zu „Fette Bräute, Essstörungen und Co

  1. Liebe ? mmh, Gaumenkunst? Zunächst mal Herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit, wenn auch verspätet und danke für deinen sehr ehrlichen Bericht. Übrigens: du bist wirklich hübsch auf den Bildern. 🙂
    Gleichzeitig kann ich sehr gut verstehen, was du meinst, denn auch und mit LCHF kann man sehr wohl zunehmen.
    Was du beschreibst kenne ich nur zu gut — nur bin ich bei meiner Suche nach Gründen, das Gewicht nicht oder nur schwer halten zu können, auch dahinter gekommen, dass es mehr Gründe als nur das Essen gibt, wenn es nicht so läuft wie man möchte.
    O.k. ich habe Hashimoto, was es nicht erleichtert – dadurch wahrscheinlich gibt es ne Nebennierenschwäche, mein Darm ist nicht in Ordnung und, was wir nie vergessen dürfen: es gibt nicht die eine Ernährung die für alle richtig ist und gleich gut funktioniert. Deshalb arbeite ich in dem Bereich auch als Ernährungscoach auf ganzheitliche Sicht und meinen Kunden empfehle ich nur eines: unverarbeitete natürliche Lebensmittel nach dem Paleo Prinzip — ansonsten ist deren Makroverteilung aber so unterschiedlich und individuell wie es Menschen gibt. Mit mehr als einem Jahr Ketose unter LCHF kämpfe ich jetzt gegen Insulin- und Leptinresistenz, sodass momentan für mich eine ketogene Ernährung eher suboptimal auch für meine Nebennieren und meinen Darm sind.

    Dazu arbeite ich aber auch an Seelenarbeit. Denn solange ich mir sage, das ich nicht (wieder und weiter) abnehme und mich nicht gut genug fühle, wird mein Hirn unbewußt alles daran setzen, damit ich damit auch Recht behalte – und damit arbeite ich mit dieser Geisteshaltung kontraproduktiv gegen mich.

    Also….. schau auf alles was dich betrifft – und schau wie du zu einer Ernährung gelangst, bei der Du satt bist und dich gut fühlst. Wenn Du das, und ich weiß ja, dass Du durch LCHF genug über natürliche Lebensmittel weißt, mit solchen Lebensmitteln umsetzt und auf die ganzen industriellen Dinge, wie auch Eiweisspülverchen usw. verzichtest, tust du dir unabhängig vom Gewicht auf jeden Fall etwas Gutes. Und mit ein wenig Selbstakzeptanz – und Du bist wirklich hübsch – findest auch du den Schalter mit dem das Gewicht dann zwar langsam aber allmählich wieder sinkt und ins Lot kommt. Dafür wünsche ich dir alles Gute.

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar, Angelika! Es stimmt, was du sagst, auch das Innere darf nicht vergessen werden. Nur weil man evtl. abnimmt (oder nicht) hat es nicht immer nur körperliche oder immer nur seelische Gründe, deswegen finde ich den ganzheitlichen Aspekt ebenso wichtig wie auch das was man von außen zuführt – hier setze ich ebenfalls gern auf unverarbeitete Lebensmittel.
      Auf deinem Weg wünsche ich dir ebenfalls alles Gute!

  2. Ich werde diesen Beitrag bestimmt noch 10x lesen. Er hat mich berührt, ich fand mich in verschiedenen Zeilen wieder, fühlte mich verstanden und verstehe. Danke, dass du das geschrieben hast

  3. Schön wieder von dir zu lesen!!! Herzlichen Dank für deine ehrlichen und berührenden Worte und Gratulation zur Vermählung. Wunderschönes Kleid! Wunderschöne Braut!!!!

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